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Sachbücher

Erich Kästner (dtv portrait)
München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1998 (4. Auflage 2003)
160 Seiten, 8,50 Euro

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Inhalt Leseprobe

   

Erich Kästner (1899-1974) gehört zu den bekanntesten deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts. In Kinderbüchern, Romanen, Theaterstücken und Gedichten erwies er sich als scharf analysierender, von trockenem Humor geprägter und zutiefst humaner Beobachter im kleinen Welttheater Deutschland.
Die Biografie erschien anlässlich Kästners 100. Geburtstag am 23. Februar 1999. Sie schildert Leben und Werk des Satirikers, Melancholikers, Moralisten und Aufklärers in den Wechselfällen eines stürmischen Jahrhunderts.

   
Inhalt

»Ich musste der vollkommene Sohn werden« (1899-1912)

Nicht lehren, sondern lernen (1912-1927)

Die große Liebe (1918-1933)

Im Großstadttheater Berlin (1927-1929)

»Ich muß [ein] paar eilige Gedichte machen« (1928-1932)

»Laßt euch die Kindheit nicht austreiben« (1929-1935)

Der erfolgreiche Autor (1929-1931)

›Fabian. Die Geschichte eines Moralisten‹ (1930-1931)

Vom erfolgreichen zum »verbrannten« Autor (1932-1945)

Aufbruchstimmung in München (1945-1948)

Anwalt der Kinder und der Kindheit (1946-1967)

Berühmt und resigniert zugleich (1949-1961)

Letzte Liebe, späte Vaterschaft (1945-1974)

Zeittafel, Bibliographie, Bild- und Zitatnachweis, Register

 

 

Leseprobe

Auszug aus dem Kapitel: »Ich muß [ein] paar eilige Gedichte machen« – Die kleine Versfabrik (1928-1932)

Seine [Kästners] kleine »Versfabrik« erweist sich in Berlin bald als erfolgreiches Unternehmen. Sein lyrisches Schaffen ist Kästner stets mehr Beruf als Berufung. Frühere Versuche, eine Auswahl der in Zeitungen und Zeitschriften verstreut erschienenen Gedichte zu publizieren, waren fehlgeschlagen. Schon im Spätherbst 1926 hat er für einen Sammelband seiner »grotesken« Verse »mit der Laterne« nach einem Verleger gesucht. Der Leipziger List-Verlag lehnt Anfang 1927 mit einem »honigsüßen Brief« ab, und auch der Wiener Zsolnay Verlag findet keinen Geschmack an der respektlosen Lyrik. Curt Weller, ein junger, wagemutiger Verleger aus Leipzig gibt schließlich im April 1928 Kästners erstes Buch heraus. ›Herz auf Taille‹ enthält 49 Gedichte mit Illustrationen, die von Erich Ohser stammen. Bereits ein Jahr später kann Weller das 16. und 17. Tausend drucken lassen. Ohsers acht ganzseitige Zeichnungen fehlen allerdings von der zweiten Auflage ab. Der Verleger opfert sie den einflußreichen Herren im Leipziger Börsenverein des Deutschen Buchhandels, die die Abbildungen »obszön« finden und damit die Gefahr eines Druckverbots heraufbeschwören. 1929 liegt die zweite Gedichtsammlung ›Lärm im Spiegel‹ vor. Im nächsten Jahr wechselt Weller als Lektor und Geschäftsführer zur Deutschen Verlagsanstalt nach Stuttgart. Obwohl sich inzwischen auch andere Verlage, unter anderem Kiepenheuer in Berlin, für ihn interessieren, hält Kästner Weller die Treue. Und so erscheinen ›Ein Mann gibt Auskunft‹ im September 1930 und ›Gesang zwischen den Stühlen‹ 1932 in der Schwabenmetropole.
Alle vier Bände sind vergleichsweise große Verkaufserfolge und erfüllen damit die Hoffnungen eines Autors, zu dessen Selbstverständnis es gehört, ein breites Publikum anzusprechen. Der elitäre Anspruch eines Hugo von Hofmannsthal oder eines Stefan George bleibt ihm fremd. Kästner betreibt das Schreiben wie ein Handwerk. Seine Gedichte sollen dieselben Eigenschaften besitzen wie die Lederportemonnaies und Schulranzen, die sein Vater herstellte: Es sollen sorgfältig gearbeitete, haltbare und nützliche Gebrauchsgegenstände sein. Damit grenzt er sich von denen ab, die er einmal als »Lyriker mit dem lockig im Winde wallenden Gehirn« verspottet hat: die abstrakten Expressionisten, die Ideen und Visionen thematisieren, und die reinen Ästhetizisten, die den gesellschaftlichen Verfall mit sprachlich schönen Versen bekämpfen. Im formal-ästhetischen Genuß sieht Kästner keinen ausreichenden »Gebrauchswert« von Lyrik. Ausgelöst haben den lyrischen Tendenzwechsel seiner Ansicht nach die veränderten Lebenserfahrungen: »Wer Krieg, Inflation, Untergang des Mittelstandes, Proletarisierung der bürgerlichen Schicht, Arbeitslosigkeit, Justizkrise, Parteikämpfe gesehen und gar miterlebt hat, der kann niemals ein ›Dichter‹, ledergebunden und mit Goldschnitt, werden [...]. Sondern der wird das Leben packen, wo es, vom Nachmittagsschläfchen aus betrachtet, unangenehm und uninteressant erscheint.« Kästner fühlt sich einer nüchternen, unromantischen Generation junger Schriftsteller zugehörig, die durch die Umbrüche der Gegenwart geprägt ist. Diese stehen politisch links und thematisieren das Leben kleiner Leute: »Sie sind keine Idealisten und kämpfen trotzdem für die Ansprüche der Majorität. Sie wollen: Es soll ihr besser gehen. Sie glauben nicht: Es wird besser werden.« Von den »Gebrauchslyrikern« erwähnt er namentlich nur Joachim Ringelnatz und Bertolt Brecht. Aber auch Klabund, Kurt Tucholsky oder Walter Mehring lassen sich außer ihm selbst dieser Richtung zuordnen. Sie alle wollen mit ihren Gedichten in das Leben des Lesers hineinwirken und dadurch gesellschaftlichen wie individuellen Nutzen stiften. Diese »außerliterarische« moralische Zielsetzung hat Kästner 1947 in einem Prosatext über das Wesen der Satire – ›Eine kleine Sonntagspredigt‹ – am deutlichsten formuliert. Der Sinn der Satire bestehe darin, die negativen Tatsachen des Daseins durch literarische Übertreibung besser sichtbar zu machen. Je klarer der Leser »die Dummheit, die Bosheit, die Trägheit und verwandte Eigenschaften« erkenne, desto eher sei er selbst bereit, sich zu ändern und in Zukunft vernünftig zu denken und zu handeln. Der aufklärerischen Grundidee, daß »der Mensch durch Einsicht zu bessern sei«, ist Kästners gesamtes Werk verpflichtet, in besonderem Maße jedoch seine Lyrik.
Die vier Gedichtbände aus den Jahren zwischen 1928 und 1932 lassen sich als moderne Großstadtsymphonie charakterisieren. Die Strophen sind betont schlicht gebaut: Kästner verwendet gern vier- bis fünfhebige Verse mit Kreuzreim und orientiert sich an Formen wie Bänkel- oder Kinderlied, Chanson, Groteske und Satire. Es ist darauf hingewiesen worden, daß gerade die unkünstlerisch wirkende Gestaltungsform das ästhetisch Neuartige an Kästners Lyrik ist (Dirk Walter). Es sind rührende und wütende, rationale und sentimentale, moralische und unmoralische, politische und private Gedichte, die alle von einer melancholischen Grundstimmung durchzogen sind. Der lakonische Stil bildet ein deutliches Gegengewicht zum expressionistischen Pathos. Zu Kästners Markenzeichen wird sein »schnoddriger« Tonfall: eine raffinierte Mischung aus ironischer Distanzierung, origineller Bildhaftigkeit, pointiertem Witz, Nonsens, Paradoxien und Verzerrungen der Alltagssprache sowie Verballhornungen von Klischees, Werbesprüchen und klassischen Zitaten. (top)