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Fiktionale Texte

Fortunas tödliches Füllhorn
Historischer Kriminalroman
Leer: Leda Verlag, 2011, 256 Seiten, 9,90 Euro (E-Book 6,18 Euro)

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Buchtrailer Leseprobe Hörprobe Interview

   

Foto:
Simona Bednarek

Der Herzog hat eine eigene Zahlenlotterie im Land begründet, und die Bewohner der Residenzstadt Braunschweig träumen vom großen Geld. Tatsächlich soll jemand bei der Ziehung im März 1772 eine unglaublich hohe Summe gewonnen haben. Friedrich Bosse allerdings kümmert das nicht. Seine Lebensziele sind zerstört, sein Liebesglück ist zerbrochen. Das Leben des Dichters und Hofmeisters nimmt eine dramatische Wendung, als er dem Opfer einer Schlägerei zu Hilfe eilt. Im Krankenhaus kommt es zu einem Wiedersehen mit Elise, die er nie vergessen hat. Doch sie ist verheiratet und Mutter zweier Kinder. Kurz nach dem Treffen stirbt Elises Ehemann ...

»Dieser historische Kriminalroman ist spannend erzählt und vermittelt zudem einen unterhaltsamen und lebendigen Eindruck vom Alltagsleben und der Gedankenwelt des 18. Jahrhunderts.« (Lena Panzer-Selz in Lesart 1/2012, S.39)

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Leseprobe



Am Eingang der Gasse kam ihm der Orientale mit seinem Köter entgegen und drängte sich ohne Gruß an ihm vorbei. Dem bärtigen Mann mit den Zottelhaaren und den zerschlissenen Kleidern war Fritz schon mehrfach begegnet. Niemand wusste, wer er war. Man erzählte sich, er habe eines Tages bei Lessing in Wolfenbüttel vor der Tür gestanden und gesagt: »Ich bin ein Philosoph und möchte hier bei Ihnen mein Manuskript über den Ursprung der Sprache vollenden.« Und Lessing hatte ihn tatsächlich aufgenommen. Seitdem hauste er dort in einem Dachstübchen und wurde mit verpflegt. Häufig kam er nach Braunschweig herüber, machte Besorgungen für den Dichter und durchstreifte mit seinem Hund die Gassen. Dabei murmelte er unentwegt Unverständliches, Wörter aus unbekannten Sprachen, vielleicht arabisch oder hebräisch, und zuweilen blieb er stehen und kritzelte seltsame Schriftzeichen in ein Heft. Deshalb nannte man ihn den Orientalen.
Fritz hatte gerade die kleine Holzbrücke erreicht, die direkt in den Hof des Waisenhauses und zum Hintereingang der Druckerei führte, als plötzlich von dort her laute Schreie durch die Dämmerung hallten. Es hörte sich an, als würde jemand verprügelt. Fritz lief schneller. Der Innenhof schien menschenleer. Doch dann nahm er im Halbdunkel eine Bewegung wahr, an der Mauer direkt neben der Tür zur Werkstatt. Als Fritz »Halt« rief, richtete sich eine Gestalt auf, rannte los und war im nächsten Augenblick in dem Durchgang verschwunden, der zur anderen Seite des Gebäudes hinaus auf die Lange Brücke führte. Diebsgesindel, schoss es Fritz durch den Kopf, Zigeunerpack. Er wollte dem Flüchtenden hinterherlaufen, doch dann bemerkte er einen schmächtigen Mann, der zusammengekrümmt auf der Erde lag, mit dem Gesicht im Dreck. Er trug eine lederne Hose und einen derben Mantel. Fritz rief ihn an, doch der Mann rührte sich nicht. Hinter Fritzens Rücken näherten sich Schritte. Er fuhr herum. Der Orientale war bereits bis auf wenige Fuß herangekommen, neben ihm hechelte sein Köter, eine Mischung aus Terrier und irgendeiner unbestimmten Rasse.
»Hilf Er mir«, sagte Fritz, wandte sich wieder dem am Boden Liegenden zu und rollte ihn auf den Rücken. Jemand hatte ihn übel zugerichtet. Ein unterdrückter Schrei ließ Fritz aufhorchen. Er blickte auf. Der Orientale stand wie versteinert und starrte mit weit aufgerissenen Augen auf den Verletzten. Soweit es im Halbdunkel zu erkennen war, schien sein Gesicht kalkweiß. Fritz wunderte sich. Warum hatte sich dieser Tippelbruder derartig erschreckt? Er sah doch sicher nicht zum ersten Mal einen Verprügelten.
»Kennt Er den Mann?«, fragte Fritz.
»Nein«, antwortete der Orientale mit rauer Stimme. »Nur im ersten Moment ... ein Versehen. Ich muss fort.« Er drehte sich abrupt um und trabte eilig davon, der Hund folgte ihm.
»Hol Er Hilfe, schnell, die Wache«, rief Fritz ihm hinterher, war sich aber nicht sicher, ob der Orientale den Auftrag verstanden hatte und ausführen würde. Fritz beugte sich zu dem Verletzten hinunter, der bei Bewusstsein war, leise stöhnte und seine Hände auf den Magen presste. Das Gesicht sah schrecklich aus: An der Stirn klaffte eine Platzwunde, ein Auge war zugeschwollen, aus Nase und Mund quoll Blut, das sich mit dem Schlamm zu einer schmierigen Masse vereinigt hatte, die Wangen und Kinn bedeckten. Fritz riss sich die Halsbinde ab und begann, die Wunden abzutupfen. Dann erkannte er den Verletzten. Es war der Mann mit den kobaltblauen Augen, der bei der Lottoziehung mit Faktor Müller und Einnehmer Weitling zusammengestanden hatte. Fritz ging in die Hocke.
»Wer war das?«, fragte er. »Wer hat Sie so zugerichtet?«
Der Mann bewegte die Lippen, aber mehr als ein Krächzen gelang ihm nicht. Fritz fragte nochmals. Der Mann formte mühsam einzelne Silben, die er über die zerschundenen Lippen würgte: »Kro – Kro – Krone«, und nach einer lange Pause, in der er röchelnd atmete: »Le – Less – Lessing – weiß ...« (top)

   
Hörprobe

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Interview

Ausschnitt aus der Lesung im Rahmen des Krimifestivals am 30. Oktober 2011 in der Jakob-Kemenate Braunschweig und Interview mit Eva Westermann-Baumgarten, gesendet von Radio Okerwelle (Braunschweig) am 3. November 2011.

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